Der alte Friedhof von Rappertshofen in Orschel-Hagen

Wussten Sie, dass es in Orschel-Hagen einen alten Friedhof gibt? Er liegt etwas versteckt an der Esslinger Straße zwischen der Schwimmhalle, dem Sportplatz und dem Spielplatz bei der Schillerschule. Das Eingangstor ist leider verschwunden, nur zwei Pfeiler stehen noch dort, und an einem ist eine Hinweistafel angebracht. Der Friedhof wurde 1963 geschlossen und 1978 nach Ablauf der Ruhezeit an die Stadt zurückgegeben. Die Geschichte dieses Friedhofes begann lange bevor 1961 die ersten Häuser für die "Gartenstadt" Orschel-Hagen gebaut wurden. Nachdem 1894 Rappertshofen durch ein Dekret von König Karl als "Armenbeschäftigungs- und Bewahranstalt für 155 arbeits- und wohnsitzlose Wanderer" vom Landarmenverband eröffnet worden war, schenkte die Stadt Reutlingen 30 Ar Land zur Errichtung eines Friedhofes "auf ewige Zeiten". Er wurde 1895 eingeweiht. Die Anstalt wurde in Kombination mit einem landwirtschaftlichen Gut betrieben. Rappertshofen erlebte eine wechselvolle Geschichte, als Kreispflegeanstalt, Landesfürsorgeanstalt, als Landesaltersheim und Pflegekrankenhaus, und heute als Heim für die Betreuung körper- und mehrfach behinderter Erwachsener. Es wurde umgebaut, abgerissen, neugebaut und erweitert.

Über den Friedhof lassen sich nicht viele Unterlagen finden. Aber es gibt in Jubilate Gemeindeglieder, die noch eine sehr lebhafte Erinnerung an den alten Friedhof von Rappertshofen haben. Dr. Wolfhard Dietrich Schmid, dessen Vater in Rommelsbach Pfarrer und für Rappertshofen zuständig war, beobachtete als Kind fasziniert, wenn der Leichenwagen mit Kutscher und zwei Pferden von Rappertshofen über die schnurgerade Obstbaumallee zum Friedhof fuhr. Helene Liebendörfer wuchs als Kind des Diakons und Anstaltsverwalters und der Hausmutter in Rappertshofen auf und lebte dort 25 Jahre. Sie erinnert sich, dass es einen Gebetsraum gab, wo Verstorbene aufgebahrt wurden, egal ob evangelisch oder katholisch, und wo gesungen wurde. Der Pfarrer nahm dann mit zwei bis drei Männern die Beerdigungen vor.

Auf dem ehemaligen Friedhof gibt es noch ein Kreuz aber keine Namenstafeln. Dort haben Arme vom Land, Wohnsitzlose, Behinderte, Pfl egebedürftige, Kranke, alte Umsiedler aus Estland, Familien mit Kindern, der Gutsverwalter, die Köchin, die Kinderfrau ihre letzte Ruhe gefunden. "Der Friedhof war ein heiliger Raum. Dort wurde nicht gespielt" sagt Frau Liebendörfer. Seit zur Jubiläumsfeier "50-Jahre-Orschel-Hagen" der Wildwuchs entfernt wurde, ist der ehemalige Friedhof zur nächtlichen Partyzone verkommen, und tagsüber werden die hinterlassenen Scherben und Pizzaschachteln mit Hundehaufen dekoriert. Es wäre schön, wenn der alte Friedhof auch weiterhin respektiert würde.

Edith Willmann